1.   Landeswettbewerb: Philosophischer Essay

Im Schuljahr 2009/10 findet dieser Wettbewerb österreichweit zum fünften Male statt. Ein Erlass des Bildungsministeriums Anfang Oktober 2009 lädt alle Philosophie-Lehrer/innen mit ihren Schüler/innen zur Teilnahme ein.

Teilnehmen können alle Schülerinnen und Schüler, die in diesem Schuljahr einen Philosophieunterricht haben!

 
DAS Ziel: Ermutigung, eigene philosophische Überlegungen zu formulieren. Besonders erfolgreiche Essay-Schreiber/innen werden zur Philosophie-Akademie eingeladen.

 

 

Nachstehend der Beitrag von Dominik Hillbrand, 8A-Klasse des BORG Bad Aussee

 

F.R.E.I. – vier Buchstaben, die das Leben lebenswert machen.
F.R.E.I. – vier Buchstaben, die unsere Zivilisation bedeuten.
f.r.e.i. – vier Buchstaben, die von vergossenem Blut rot gefärbt sind.
F.r.e.i. – vier Buchstaben, die den Untergang unserer Zivilisation bedeuten können-oder das
genaue Gegenteil.

 Unsere Freiheit ist ohne Zweifel unser höchstes Gut, sowie unsere schwerste Bürde. Doch frage ich mich, ob ein Mann wie Jean-Paul Satre das Recht hat, die Freiheit als eine Art der Bestrafung zu sehen. Sollen wir etwa als triste, graue Masse, bildhaft vielleicht mit Haferschleim zu vergleichen, ein Kollektiv bilden und unser Leben auf das Minimum einer menschlichen Existenz reduzieren??

Nun, das soll jeder für sich entscheiden, ich will und werde es mir nicht anmaßen eine derartige Aussage für mehrere Milliarden Menschen zu treffen.

Um dem Leser die Tragweite dieser Entscheidung bewusst zu machen und um ihm zu helfen, seine Gedanken zu ordnen, hilft es vielleicht, das Wort selbst in seine Bestandteile zu zerlegen.

Beginnen wir dazu am besten mit dem letzten Glied der kurzen Kette, dem > I <.

I wie Individualität.

Jeder Mensch ist ein eigenes Individuum, vollgefüllt mit Gedanken, Gefühlen, Wünschen und Hoffnungen. Wäre ein solches Spektrum an Emotionen und Eigenheiten im oben beschriebenen „Kollektiv“ überhaupt möglich?

Oder würden wir vergessen wie man lebt? – Beziehungsweise, ist so etwas überhaupt möglich? Ich würde mal sagen ja, wenn man >leben< nicht mit >existieren< gleichsetzt.

Existieren ist nämlich verhältnismäßig einfach.

Im Grunde eigentlich eine recht simple Mischung aus essen, schlafen und sich fortpflanzen.

Leben hingegen… nun ja, schaut euch um. Ein Balanceakt zwischen reden und schweigen, lieben und hassen, Abenteuer und Erholung und das alles auf dem schlüpfrigen Parkett der sozialen Interaktion.

Eindeutig die anspruchsvollere Option, oder? Ein Zustand der Glück und Freude genauso birgt, wie ein ausgeprägtes Risikopotential. Doch genau das ist es doch, was unser Leben lebenswert macht! Oder was würdest du bevorzugen? Einen „geregelten“ Tagesablauf, jeden Tag die gleiche Tristesse – oder lieber ein abwechslungsreiches Leben, jederzeit für eine Überraschung, ein kleines Abenteuer bereit?

Nur dank unserer Freiheit können wir unser Leben so gestalten wie wir es wollen, wären wir durch zu viele Gesetze, Regeln und Diktaturen im metaphorischen Sinne in Ketten gelegt, wäre unser Leben kaum lebenswert.

Doch wäre unser Leben dies auch noch, wenn unsere Zivilisation, wie wir sie kennen nicht existieren würde?

Die Antwort lässt sich im dritten Buchstaben finden:

 E wie Eigenständigkeit.

Diese Begabung ermöglichte es dem Menschen vor tausenden von Jahren zu überleben, vor hunderten von Jahren eine erste Kultur zu errichten und vor ein paar Jahrzehnten das alles fast wieder zu zerstören. Und im gleichen Atemzug auch wieder zu retten. Unzählige Innovationen und Erfindungen der letzten Jahrhunderte fanden nicht statt, weil jemand den Befehl dazu gab. Nein, ganz im Gegenteil: Oft hat sich ein einziger Mensch über die Standards und Ansichten seiner Zeit hinweggesetzt und so konnte sein Genius etwas Neues hervorbringen. Manchmal setzte sich eine wichtige Erkenntnis sogar über die Macht der Herrscher und Führer hinweg, man nehme als Beispiel Galileo Galilei, der seiner Überzeugung sogar sein Leben opferte.

Wenn wir Menschen immer nur das täten was uns gesagt wird, stünden wir vor zwei Problemen:

Zum einen wüsste ich persönlich keinen, der uns allen zu unser aller Wohl sagen könnte, was wir tun sollen. Ein Politiker hätte wahrscheinlich kaum ein Ohr für die breite Bevölkerung und doch nur seine eigenen Ziele und Ideologien im Kopf, eine Wirtschaftsvereinigung wäre vermutlich nur an ihrem Gewinn interessiert, ein Computer würde rein logisch gesehen die Menschheit vernichten um den Planeten zu retten und der Papst oder ein anderer religiöser Würdenträger… nun, besser wir beenden dieses Gedankenexperiment an dieser Stelle und wenden uns Punkt zwei, dem meiner Meinung nach, weitaus brisanterem Problem, zu.

Zum anderen würde nämlich jene Person, die wir zum unterbinden unserer Eigenständigkeit über alle erheben müssten, auch beurteilen müssen was richtig und was falsch ist.

Jedoch ist die Fähigkeit dies für uns selbst zu entscheiden meiner Ansicht nach maßgebend für unser soziales Zusammenleben. Würden wir dazu nicht fähig sein, wäre vermutlich unsere ganze Zivilisation längst zusammengebrochen, wenn überhaupt entstanden! Wir würden uns einfach nehmen, was uns gefällt, jeden umbringen, der uns stört und das alles nur, weil wir nicht mehr wissen, dass es eigentlich falsch ist.

Nur durch eigenständiges Denken und Handeln konnte die Menschheit auf ihr heutiges Niveau gehoben werden. Diese Eigenständigkeit ermöglichte es uns, uns weiter zu entwickeln und zu dem zu werden, was wir heute sind. Das alles ist jedoch nur möglich, solange der Mensch selbst frei ist. Also wieder ein Argument für die Freiheit.

 

Der zweite Buchstabe scheint mir auch der zweitwichtigste zu sein:

R wie *recht*.

Nun gut, dass hört sich jetzt vielleicht etwas grobschlächtig an, doch will ich meine Aufmerksamkeit nicht dem Recht alleine widmen. In Kombination mit anderen Silben erscheint es nämlich gleich viel wirkungsvoller.

Da wären zum Beispiel das oben bereits erwähnte Gerechtigkeitsempfinden, unser Rechtssystem, das unsere Gesellschaft in geregelte Bahnen lenkt und natürlich auch das wichtige Argument der Gleichberechtigung.

In welcher Gesellschaft würden wir heute leben, wenn dieses letzte Argument nie Einzug in unseren Alltag gefunden hätte? Die Frauen hinter dem Herd, die Männer im Lehensdienst und das alles kontrolliert von wenigen Privilegierten. Ganze Völkergruppen würden diskriminiert werden und einige wahrscheinlich sogar verfolgt und versklavt.

Ein Zustand wie im tiefsten Mittelalter. Keine sehr positive Vorstellung, oder?

Dann können wir ja froh sein, dass die Menschen tief in ihrem Inneren anscheinend schon immer frei sein wollten. Und auch bereit waren für ihre Freiheit zu kämpfen!

Ein Kampf, für den mehr Menschen gestorben sind als für alle anderen, mir bekannten heroischen Ziele. Ein Erringen der Eigenständigkeit (übrigens ein gutes Beispiel wie eng diese vier Buchstaben zusammenhängen und nur als Ganzes DAS Wort bilden!) das die Schlachtfelder im Blut getränkt hat. Doch ohne dieses Streben wäre Amerika noch immer Kolonialland, Russland noch als die UDSSR bekannt und der Großteil Europas wäre unter der Kontrolle eines kleinen Mannes mit Seitenscheitel und komisch verschnittenem Schnauzbart. Das heißt, falls wir nicht überhaupt noch unter der Kontrolle des Römischen Reiches und seiner Cäsaren stünden.

Da jedoch die persönliche Freiheit heute als das Recht eines jeden einzelnen angesehen wird, ist die Welt nun ein komplexes Gebilde aus über 190 freien Staaten die, mehr oder weniger, harmonisch zusammenleben. Und doch, wer weiß, ob die Menschheit geeint nicht glücklicher wäre? Vielleicht wären uns so viele dunkle Kapitel unserer Geschichte erspart geblieben?

Selbst wenn dem so wäre – aus welchen Fehlern sollten wir dann heute lernen können, wenn nicht aus denen, die wir selbst gemacht haben?

Die Menschheit ist definitiv keine breite graue Masse. Vielmehr scheint mir ein auf den ersten Blick deplatzierter Ausdruck passend:

F, jenen majestätischen und zugleich wichtigsten Buchstaben in dessen Schatten der Rest des Wortes steht, habe ich dem Wort Fieber zugeordnet.

Zum einen kann man, wie schon oft behauptet und vorgeworfen, die Menschheit als die Krankheit des Planeten Erde sehen, ein Leiden, das alles aus der Bahn werfen und die Welt völlig verändern wird. Man schweife nur kurz mir den Gedanken in Richtung Atomwaffen, Kriege und Umweltverschmutzung.

Doch ich sehe uns bevorzugt als eine Gemeinschaft, die zusammen die Welt verändern kann. Ein einziger Gedanke kann sich in unserem Bewusstsein breitmachen, wir geben ihn weiter und begeistern andere für diese Idee. Wie Fieber können wir unsere Mitmenschen mit den verschiedensten Emotionen „anstecken“, in diesem Fall kann man sogar ein Lächeln als Krankheit betrachten. Durch unseren freien Willen und unsere Liebe zur Freiheit stehen wir zusammen, leben und lachen gemeinsam, helfen uns in Notlagen gegenseitig, oftmals teilen wir sogar unsere Emotionen. Ohne diese Art von Fieber würden wir vermutlich immer noch als einsame Jäger und Sammler durch die Urwälder streifen.

Dieses Fieber des Lebens und der Freiheit macht den Menschen zu dem, was er heute ist.

Und da soll ausgerechnet Jean-Paul Satre das Recht haben, zu behaupten der Mensch wäre „dazu verurteilt, frei zu sein“? Ich kann dazu nur sagen: Natürlich hat er das. Jeder Mensch hat die gleichen Rechte und es ist seine persönliche Entscheidung, sich nicht von dem Fieber anstecken zu lassen, dass uns alle zu freien Menschen macht. Ob ihm jedoch rechtgegeben werden kann, muss jeder selbst nach bestem Wissen und Gewissen urteilen. Ich für meinen Teil kann nur sagen:

Ich bin frei und ich bin es gerne, ohne meine  Freiheit wäre ich nicht ich. Und ich denke  dieser Gedanke könnte sich vielleicht sogar  schneller als das Fieber verbreiten.