Biologische Relevanz kontra Grenzwerte

Dr. rer. nat Lebrecht von Klitzing / Klin.-Exp. Forschung, Med. Univ. Lübeck

 

Mit der flächendeckenden Inbetriebnahme des neuartigen drahtlosen Telekommunikationsnetzes nach dem GSM-Standard wird auf dem europäischen Markt -und hier insbesondere in Deutschland- eine Technik durchgesetzt, ohne zuvor irgendwelche Grundlagenforschung zur biologischen Verträglichkeit durchgeführt zu haben. Dieses muß vor dem Hintergrund gesehen werden, daß von wissenschaftlicher Seite immer wieder darauf hingewiesen worden ist, daß gerade die niederfrequent getakteten elektromagnetischen (und auch magnetischen) Felder biologische Systeme stören. Die Aussage der Betreiber, daß unterhalb der geltenden Grenzwerte keine Gefährdungen zu erwarten sind, ist sachlich falsch, denn die internationale Literatur dazu zeigt durchaus Gefährdungspotentiale auf. So ist z.B. die Immunantwort erheblich reduziert, der für den gesamten Zellstoffwechsel so wichtige Kalziumhaushalt oder auch die Funktion der Blut/Hirn-Schranke gestört, die Rezeptoreigenschaften an der Membran oder auch die Transkriptionsrate beeinflußt. Von besonderem Interesse sind auch die veränderten Hirnstromsignale beim Menschen, die zuerst an der Medizinischen Universität zu Lübeck nachgewiesen wurden und zwischenzeitlich von anderen Arbeitsgruppen bestätigt und publiziert worden sind.

Dabei ist es nicht nur das Telekommunikationsnetz nach dem GSM-Standard, das im Mittelpunkt der Kritik steht. Auch andere technische Einrichtungen emittieren zunehmend niederfrequente Felder, die nicht unbedingt vom biologischen System des Menschen toleriert werden. Es sind die sogenannten Elektrosensiblen, die mit ihren teilweise durchaus objektivierbaren Beschwerden meist vergeblich den Arzt aufsuchen, um von ihm Hilfe zu erlangen. Nur selten wird der Ursache für diese Beschwerden nachgegangen, was letztlich auch eine Analyse des gesamten Umfelds notwendig macht. Sehr häufig kommt man dann zu der Feststellung, daß eine langzeitige Feldbelastung im Wohn- oder Arbeitsbereich neben anderen Faktoren eine entscheidende Größe darstellt. Magnetische und elektrische Feldänderungen im Energieversorgungsbereich, teilweise mit niederfrequent modulierten HF-Anteilen, wie sie bei jeder Phasenanschnittssteuerung auftreten, haben das Biosysystem sensibilisiert.
Und hier besteht das für jeden Biowissenschaftler bekannte Problem, daß die Latenz zwischen der Induktion eines Krankeitsgeschehens und der Systemschädigung so groß sein kann, daß die Beweisführung eines kausalen Zusammenhangs praktisch unmöglich ist. Der Betroffene kann dann noch so objektiv argumentieren wie er will; letztlich wird sein Problem nur mit einem Achselzucken quittiert und er als "gesellschaftsunfähig" allein gelassen. Und damit steht die eingangs genannte GSM-Technologie im Mittelpunkt der Diskussion. Derzeit befinden wir uns alle in einem keineswegs freiwilligen Feldversuch -und was den Statistiker erfreut: mit sehr großer Fallzahl. Was den Statistiker weniger erfreuen wird, ist die dann nicht mehr gegebene Kontrollgruppe, die das Normalkollektiv darstellen sollte.
Nach allem was schon jetzt bekannt ist, wird das Ergebnis auf die Volkswirtschaft mehr Konsequenzen haben als durch die zusätzlichen Arbeitsplätze, mit denen vordergründig argumentiert wird. Die derzeitigen Grenzwerte sind aus biologischer Sicht völlig irrelevant, wenn es darum geht, Schaden zu vermeiden oder Vorsorge anzustreben. Die erschreckend hohe und weiter zunehmende Zahl der "Erkrankungen unklarer Genese" ist auch begründet in der Belastung durch niederfrequente Felder im Intensitätsbereich, der Größenordnungen unterhalb der in der 26. Verordnung zum Bundesimmisionschutzgesetz (BImSchG) genannten Grenzwerte liegt. Aus dem biologischen Unverständnis der Verantwortlichen werden hier Dinge miteinander vermengt, wo jede biologisch relevante Verknüpfung fehlt.

 

 

Interview aus tomorrow.de

Medizinphysiker Lebrecht von Klitzing über Handystrahlung



 

Herr Dr. Klitzing, welche Gefahren gehen von Handystrahlen aus?
Die Handystrahlung ist genauso gefährlich wie die von anderen elektronischen Geräten. Nur halten wir das Handy direkt am Ohr. Die Strahlen können somit direkt auf das empfindliche Gehirn und die Augen wirken.

Wie wirken die Strahlungen auf den menschlichen Organismus?
Sie beeinflussen das zentrale Nervensystem, das zum Beispiel den Herzschlag reguliert. Es ist, als ob man andauerndem Stress ausgesetzt ist. Neue Forschungen haben belegt, dass auch kurzzeitige Emissionen von der Intensität, wie sie beim Telefonieren mit dem Handy entsteht, die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke erhöhen. Somit können hirnschädigende Substanzen ins Gehirn gelangen.

Welche Krankheiten können die Strahlen auslösen?
Das ist ganz unterschiedlich. Die Wirkungen reichen von Schlaf-und Konzentrationsstörungen über zunehmende Nervosität und Aggressivität bis zu Kopfschmerzen und Ohrensausen. Inwieweit Strahlungen Tumore auslösen, ist noch nicht genügend erforscht. Allerdings lässt sich eindeutig belegen, dass in der Umgebung von Sendestationen die Leukämieerkrankungen zunehmen.

Sind Kinder besonders gefährdet?
Eindeutig ja. Kinder haben noch kein voll entwickeltes Immunsystem. Im Bereich von Basisstationen wurde festgestellt, dass das Blutbild Anomalien aufweist. Die roten Blutkörperchen sind bei den betroffenen Kindern nicht ausgereift, es wird zu wenig Sauerstoff produziert. Sobald die Kinder aus die gefährdeten Bereiche verlassen, normalisiert sich das Blutbild. Nicht reversibel sind andere Schädigungen des Immunsystems: Kinder, die besonders stark elektrischen Feldern ausgesetzt sind, werden immer empfindlicher reagieren.

Warum ist es so schwierig, einen Grenzwert festzulegen?
Das ist es nicht. Nur wurden bisherige Untersuchungen zumeist von der Industrie gesponsert. Das Interesse war also groß, die Gefahren und Auswirkungen der Strahlungen herunterzuspielen und die Grenzwerte möglichst hoch anzusetzen. Ich meine, bereits gewonnene Erfahrungswerte rechtfertigen einen wesentlich niedrigeren Grenzwert als etwa den von der EU vorgeschlagenen. Leider missachtet die Politik systematisch die Hinweise von Ärzten.


Was fordern Sie?
Es muss endlich eine neutrale Forschungskommission eingerichtet werden, die sich kritisch mit den Gefahren durch Elektrostrahlung auseinander setzt. Die meisten Gefährdungen durch Strahlen können technisch leicht gelöst werden.

Wie kann sich jeder gegen die Strahlung schützen?
So wenig und so kurz wie möglich telefonieren. Die Strahlenbelastung ist am geringsten, wenn Sie einen guten Empfang haben - draußen oder im obersten Stockwerk. Von einem langen Telefonat in der Tiefgarage ist dagegen abzuraten. Freisprechanlagen sind nur bedingt zu empfehlen, da die Kabel ihr eigenes Elektrofeld haben.

Wo lauern weitere Strahlengefährdungen?
Eine größere Strahlenbelastung als von ihrem Handy geht von den schnurlosen Haustelefonen nach DECT-Standard aus, diese senden ununterbrochen. Ersetzten Sie es durch ein analoges schnurloses Telefon. Verbannen Sie den Radiowecker aus ihrem Schlafzimmer. Lassen Sie so wenig Geräte wie möglich auf Stand-by-Empfang. Erkunden Sie Ihr Umfeld. Auch Geräte aus der Nachbarwohnung können Sie nachhaltig gefährden. Und meiden Sie Mobilfunkbasisstationen in einem Umkreis von 400 bis 500 Metern.

 

Folgender Link führt Sie auf einen ausführlichen Beitrag von

Dr. Lebrecht von Klitzing:

  Gibt es für das biologische System eine elektromagnetische Verträglichkeit ?