Abgeordnetenhaus von Berlin 15. Wahlperiode, Wortprotokoll
WiBetrTech 15/12 28. Oktober 2002
Dr. Bornhausen
(Arzt für Umweltmedizin, Breitbrunnen):
Die
Frage, die uns heute beschäftigt, lässt sich zusammenfassen mit diesen 4
Punkten: Hat Mobilfunk schwache elektromagnetische Felder mit niedrigen
Feldstärken einen schädlichen Einfluss auf die Permeabilität von Membranen, das
zentrale Nervensystem, die Reproduktion und die Entwicklung oder vielleicht das
Immunsystem?
Und ich möchte noch
eine wesentliche Aussage deutlich machen: Alle bislang klar
dokumentierten, wissenschaftlich nachgewiesenen und durch hoch frequente
elektromagnetische Felder ausgelösten biologischen Effekte konnten bislang
ausschließlich auf thermische Wirkung zurückgeführt werden.
Die
gesundheitsrelevante Wirkung elektromagnetischer Felder neuer
Kommunikationssysteme – so nennt es Herr Silny,
der im Auftrag des VDE gearbeitet hat – lässt sich aus dem aktuellen
Wissensstand nicht ableiten.
Es gibt zurzeit keinen wissenschaftlichen Grund,
die sorgfältig erarbeiteten Grenzwerte für eine Exposition durch
elektromagnetische Felder zu verändern. Politische Gründe können allerdings
eine weitere Absenkung der zurzeit gültigen Grenzwerte veranlassen. –
Vielen Dank!
Herr Müller
(Ingenieurbüro für Arbeitsschutz und Messtechnik, Lage):
Worum geht es bei dieser Auseinandersetzung? –
Letzten Endes geht es hier um die Kernfrage, um einen bestimmten Punkt: Wir
haben bekanntes Wissen – das wurde schon dargestellt –, dass man
sagt, wir haben sehr wenige Auswirkungen, wir haben unscharfes Wissen, wo man
sagt, dass wir einiges wissen, es aber nicht genau beschreiben können, und wir
haben noch unbekanntes Wissen, das heißt, wir wissen nicht, wie das im
Einzelnen wirkt. Und das ist die Schwierigkeit, dass diese Unterschiede, was
bekannt ist und was nicht, von jeder Seite anders gewichtet werden. Die einen
sagen, dass für sie schon alles erforscht ist und sie keine weiteren
Forschungsvorhaben brauchen, während die anderen sagen, dass sie nicht erklären
können, warum es in den Gehirnströmen plötzlich Veränderungen gibt, und
deswegen fordern sie weiteren Bedarf. Wenn es um den Schutz der Bevölkerung
geht, dann ist es normalerweise üblich, dass man ein Schutzkonzept vorlegt.
Das ist eine Möglichkeit, wo man zum Beispiel sagt:
Nachts, wenn Ruhe herrschen soll, sind nicht nach wie vor alle Sendestationen,
sondern nur eine Sendestation in Betrieb, und die Gespräche, die dann noch
unbedingt geführt werden müssen, können über diese eine Station laufen. Das
sind technische Möglichkeiten, aber wir können auch sagen, dass wir die
Qualität der Handys verbessern. Das heißt, es ist ein Unterschied, ob ich ein
schickes, kleines Handy habe oder ob ich ein Handy mit einer optimierten
Antenne habe, denn in dem Moment muss die Sendestation automatisch weniger
senden. Es gibt also viele Möglichkeiten, die man nur entsprechend nutzen muss.
Um das noch einmal zusammenzufassen: Wenn Sie
Schutz und Vorsorge gewährleisten wollen, dann müssen Sie das nach außen
dokumentieren.
Es sind auch neuere Antennen in Betrieb, die
entwickelt werden, die praktisch dem Sender nachlaufen. Das ist auch eine
Möglichkeit, um die Strahlung zu minimieren. Das bedeutet, man brauchte nur
jede zweite Station.
Aus meiner Sicht ist es notwendig, dass man von
Seiten der Kommune – von der Stadt – ein klares Konzept verfolgt, mit
dem man mit den Betreibern verhandeln kann, dass man sagen kann: Wo wünschen
wir Stationen? Wo hätten wir sie gerne nicht? Dass man einen Plan vorlegt, der
zeigt, wo kritische Bereiche sind, und damit letzten Endes die Möglichkeit hat,
auf der einen Seite Planungssicherheit für die Betreiber zu schaffen und auf
der anderen Seite auch entsprechende Sicherheit für die Bürger. – Ich
bedanke mich!
Dr.
Warnke (Biologe, Physiker, Universität des Saarlandes, Saarbrücken):
Dieses
Gebiet ist ohne Frage äußerst komplex und subtil. Zwei Punkte dazu:
Nr.
1: Die Befürchtung und Erwartung, dass ein Sender mich krank macht, macht mich
krank, auch wenn der Sender nicht in Betrieb ist, gar kein Zweifel. Das ist in
den so genannten Noceboeffekten bewiesen, über die ich ein halbes Jahr
Vorlesungen halte.
Aber
Nr. 2: Es gibt epidemiologische Untersuchungen in der Nähe von
Hochfrequenz-Sendeanlagen, die eindeutig eine kausale Beziehung zwischen
Sendeleistungsflussdichte und Krankheitsgeschehen wiedergeben.
Wenn
man die wissenschaftliche Literatur sammelt und wertet, dann finden sich hier
nicht unbedingt Beweise dieser epidemiologischen Ergebnisse, aber Nachweise und
Hinweise, und zwar auch konsistente Hinweise. Konsistente Hinweise heißt, aus
unterschiedlichen Untersuchungsansätzen ergeben sich gleiche Endergebnisse. Es
liegen teilweise auch nur starke Hinweise vor, d. h., es gibt übereinstimmende
Ergebnisse vergleichbarer Untersuchungen.
Es
ist nicht untersucht worden, wie Interferenzmuster wirken, und es fehlen vor
allem Langzeituntersuchungen, wenn wir jetzt direkt Basisstationen anschauen.
Die Hochfrequenzdauerbestrahlung ist innerhalb von 50 Jahren um mehr als 100
000 angewachsen, als so genanntes Rauschen in den Städten. – Wenn wir eine
Systematik der wissenschaftlichen Untersuchungsergebnisse hier darstellen, dann
haben wir Beeinflussung der Karzinogese. Es gibt Hinweise dafür. Hinweise
heißt, es liegen ähnliche Ergebnisse vergleichbarer Untersuchungen vor.
Hauptsächlich ist die Leukämie zu nennen.
Zweitens,
eine Beeinflussung und Beeinträchtigung von Funktionen des zentralen
Nervensystems. Dafür gibt es konsistente Hinweise. Ich hatte schon versucht,
Ihnen zu erklären, was konsistente Hinweise sind. –Drittens, es gibt eine
Beeinflussung des Hormonsystems, auch hier konsistente Hinweise. –
Viertens, es gibt Schädigungen der Erbsubstanz, auch hier konsistente
Hinweise. – Und schließlich gibt es Beeinflussung zellulärer Prozesse, und
das sind starke Hinweise.
Es
ist ein absehbarer Fakt, in einigen Jahren gibt es epidemiologisch keine
Vergleichsgruppe mehr, weil alle Menschen gleichermaßen von Strahlungen
befeldet sind. Denken Sie an die Navigationsfelder, denken Sie an die
Satellitenfelder, und die Kommunikation kommt natürlich dazu. Es wird dann auch
keinen Nachweis einer eventuellen Gefährdung oder Schädigung des Menschen mehr
geben, wenn wir keine Vergleichsgruppe mehr haben. Aber es ist sehr einfach zu
verstehen, dass es biologische Effekte gibt, die Tendenz zur Krankheit
aufzeigen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass wir in unserem Inneren –
also unserer Funktion, die wir eigentlich als chemische Reaktionen
bezeichnen – direkt mit physikalischen Größen vollziehen. Also, das, was
wir Chemie nennen, ist in Wirklichkeit Physik und zwar elektromagnetische
Physik. Das heißt, wir funktionieren mit den gleichen elektromagnetischen
Schwingungen, das ist gar keine Frage, wie die elektromagnetischen
Schwingungen, die wir außen technisch jetzt freisetzen. Und dass es dazu
Wechselwirkungen geben muss, auch in Form von Resonanzen, daran gibt es einfach
keinen Zweifel. Deswegen kann man auch verstehen, warum es bei sehr niedrigen
Feldflussdichten, Leistungsflussdichten, bereits biologische Wirkung gibt.
Ich
sagte schon, bis 2001 gab es keine Untersuchung explizit zur Verträglichkeit
von Basisstationen. Erst danach wurden zwei Untersuchungen veröffentlicht. Die
eine stellte fest, dass es eine Abhängigkeit der Entfernung vom Sender zu
diversen Gesundheitsstörungen kommt, wie Depressionen, Konzentrationsstörungen,
Gedächtnisverlust und einiges mehr, das ist die so genannte Santini-Studie.
Eine zweite Studie von Kundi, Universität Wien, stellte fest, dass es eine
signifikante Auslösung von Herz-Kreislauf-Problemen durch die Strahlung von
Basisstationen gibt.
Wenn
wir von Krebstrends lesen, gibt es eine sehr beunruhigende neue Studie, die
allerdings nicht die Basisstationen untersucht hat, sondern allgemein
Hochfrequenzsender. Es wird festgestellt, dass sie die Entwicklung von
Hautkrebs nicht nur begünstigen, sondern offensichtlich kausal bewirken. Seit
1955 wurden die Fälle aufgezeichnet. – Dann haben wir weitere Studien, die
die Hochfrequenzsender berücksichtigen. Ich werde in kurzen Stichworten dazu
schnell etwas sagen: Gehirntumore, Leukämien gehäuft im Umfeld von Rundfunk-,
TV-Sendern und Radarstationen, das ist die so genannte
Universitätskrankenhaus-La-Fe-Studie. – Dann haben wir die
Schwarzenburg-Studie, hier sind Schlafstörungen im Umkreis von Radiokurzwellen
aufgetreten, die Hawaii-Studie, signifikante Erhöhung von Leukämiefällen bei
Kindern in der Nähe von Sendetürmen von Radio Hawaii,
Nord-Sydney-Leukämie-Studie, signifikanter Anstieg von Leukämiefällen von
Kindern und Erwachsenen, allgemeine Sterblichkeit im Umfeld von Radio und
Fernsehsendern. Dann haben wir eine weitere Regional-TV-Sender-Studie
Großbritannien ´97, steigende Leukämiefälle, Sutra-Tower-Studie, San
Francisco-Bay, erhöhte Krebsrate bei Kindern, dann die Cherry-Studie, kausaler
Zusammenhang von Tumorfällen, insbesondere Gehirntumore und Leukämie.
Ganz
neu sind wissenschaftliche Arbeiten zu Mobilfunkfrequenzen, eine Ausdünnung der
Wände menschlicher Blutgefäßzellen und einer Aktivierung von
Hitzestressproteinen, weiterhin DNA-Strangbrüche, alles bei Werten weit
unterhalb der Grenzwerte. Ganz neu herausgekommen ist die Catania-Resolution
und vorher die Wiener Resolution, bei der ich mitgewirkt habe. Ergebnis: Es
gibt Gesundheitsrisiken und biologische Wirkung durch Mobilfunk. Vorsorge ist
notwendig.
Im
Ausland ist entsprechend entschieden worden, hauptsächlich in Spanien. Ich will
das jetzt nicht alles vorlesen. Dort mussten durch richterlichen Beschluss
Sendemasten von Schulen abgebaut werden und dürfen auch keine neuen aufgebaut
werden. Hier ist mehrfach die internationale Kommission zum Schutz von
nichtionisierender Strahlung genannt worden, die schließlich für das, was im
Augenblick von Politikern umgesetzt worden ist, verantwortlich ist. Im Auftrag
der neuseeländischen Regierung hat die Neil-Cherry-Studie diese Bewertung
überprüft. „Die Neil-Cherry-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass die Bewertungen
„ernsthaft fehlerhaft“ sind, ein „Muster von Voreingenommenheit“ darstellen,
„absichtliche Verdrehungen“ enthalten, „den öffentlichen Gesundheitsschutz verfehlen.“
Die Folge ist, dass, „vorhandene wissenschaftliche Studien, die eine schädliche
Wirkung beweisen, ignoriert werden. Das geschieht fortlaufend, systematisch und
demonstrativ, so dass wir darauf schließen können, dass hier ein
unwissenschaftliches Motiv hinter den Bewertungen und Schlussfolgerungen
steht.“ Wieder wörtlich: „Die ICNIRP-Studie ist krass ungeeignet für den
öffentlichen Gesundheitsschutz. Sie ist wissenschaftlich anfechtbar, weil sie
auf ernsthaften Fehlern und Unterlassungen basiert.“
Mein
Kommentar dazu ist, dass die Strahlenschutzkommission, die wiederum auf diesen
Bewertungen aufbaut, tatsächlich ein anderes wissenschaftliches Raster anlegt,
was sie mit „Hinweis“, „Beweis“ oder nur als „Verdacht“ bezeichnet. Das Problem
ist, dass Untersuchungen am Menschen nicht immer reproduzierbar sind. Das
verlangt aber die wissenschaftliche Grundforderung: Ein Versuch muss beliebig
reproduzierbar sein. – Es ist deshalb nicht möglich, weil beim Menschen
die Einfluss nehmenden Parameter niemals konstant gehalten werden können.
Ich
komme zum Schluss: Die Experten, die heute die gleichen sind wie früher beim
Niederfrequenzbereich, die auch die Werte zu verantworten haben, lagen im
Niederfrequenzbereich bereits falsch. Damals hat die gleiche Kommission 100
Mikrotesla für den Niederfrequenzbereich festgelegt, und die WHO-angeschlossene
International Agency for Research on cancer dokumentiert seit Juni 2001 ein
bestehendes Risiko der Tumor-Entstehung durch niederfrequente Magnetfelder ab
0,4 Mikrotesla. Das heißt, die durch die Strahlenschutz-Kommission propagierten
Grenzwerte, 100 Mikrotesla, sind demnach sehr deutlich zu hoch gewesen. –
Vielen Dank!
Dr. Fitzner (UKBF):Institut für klinische Chemie und Pathobiochemie, verantwortlicher Leiter für die Forschungsgruppe
„Einfluss von Elektromagnetfeldern auf Tumorentstehung und Tumorausbreitung“.
So
wird man sich mit allen diesen wissenschaftlichen Dingen sehr intensiv
auseinander setzen müssen. Wir haben deshalb zurzeit keinen bewiesenen
Verdachtshinweis auf Karzinogenese, auf DNA-Schäden.
Es gibt, und das muss Ihnen gesagt werden, wohl
Hinweise darauf, so dass hier eine intensive Forschung weitergeführt
werden muss.