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Die EU-Kommission geht vor den europäischen Konzernen Siemens und Philips in die Knie: Die klassische Glühbirne soll ab September dieses Jahres aus Profitüberlegungen toxischen Quecksilberlampen weichen. Dafür darf in Zukunft jeder österreichische Haushalt monatlich vier Euro Stromkosten sparen und viel Geld für die Lampen zahlen. Das Protokoll einer ökologischen Irrfahrt.
Von Otmar Lahodynsky, Michael Nikbakhsh und Josef Redl
Mitarbeit: Alfred Bankhamer, Andrea Rexer
Sie ist gleichermaßen technisches Monument wie Welt-Kulturgut. Die luzidesten
Physiker und Erfinder des 19. und 20. Jahrhunderts haben sich an ihr
versucht: Sir Humphry Davy, Brite, Pionier der modernen Elektrochemie; Heinrich
Göbel, Feinmechaniker deutscher Provenienz; Joseph Wilson Swan, britischer
Physiker; Thomas Alva Edison, Amerikaner, Universalgenie; Carl Auer von
Welsbach, Österreicher, Vater des Zündsteins.
Pablo Picasso hat sie auf seinem epochalen Œuvre „Guernica“ verewigt,
Walt Disney stellte sie Tüftler Daniel Düsentrieb einst als genialischen
Assistenten zur Seite; sie ist die Manifestation elektrischer Energie und steht
sinnbildlich für den Triumph des Menschen über die Natur oder auch den Sieg des
Lichts über die Dunkelheit: die Glühbirne. Die ersten Patente reichen in die
1840er Jahre zurück, Form und Aufbau sind seit Jahrzehnten unverändert: ein
Glaskolben, ein Wolfram-Draht, ein Schraubsockel, fertig ist der Fortschritt.
Geht es nach der EU-Kommission, so wird das Leuchtmittel alsbald nur
mehr in Museen zu bestaunen sein. In einem Akt beispielloser Bürokratenwillkür
sollen konventionelle Glühbirnen für den Haushaltsgebrauch ab 1. September
dieses Jahres stufenweise vom Markt verschwinden – zugunsten einer längst
überholten und obendrein hochtoxischen Technologie, die sich in den vergangenen
zwanzig Jahren nie recht durchsetzen konnte: die Energiesparlampe, im
Fachjargon „Kompaktleuchtstofflampe“ genannt.
Die entsprechende Verordnung könnte die Kommission schon Donnerstag dieser
Woche passieren. Nach dem so genannten Komitologie-Verfahren müssen weder der
EU-Ministerrat noch das Europaparlament, schon gar nicht die Volksvertretungen
der 27 Mitgliedsstaaten befasst werden. So die Kommissare nicht noch im letzten
Moment zurückrudern, ist die Entscheidung irreversibel.
EU-Repräsentanten und Marketingstrategen der Industrie haben es bisher
geschickt verstanden, die nahenden Umwälzungen kleinzureden. So hat sich in der
Öffentlichkeit der Irrglaube verfestigt, ab 1. September 2009 würden lediglich
die stromfressenden 100-Watt-Birnen aus dem Verkehr gezogen, wohingegen das
etwas genügsamere und daher beliebtere 60-Watt-Pendant noch bis September 2011
auf dem Markt bleiben dürfe.
Mattscheibe. Die Wahrheit liegt in der Klarheit: Mattierte Glühlampen,
gleich welcher Watt-Leistungsstufe, müssen bereits in knapp einem halben Jahr
gänzlich aus dem Handel genommen werden. Das gilt für milchige
25-Watt-Lusterbirnchen ebenso wie für komplexere opake Halogenstrahler (siehe
Kasten Seite 36). Der EU-Stufenplan 2009–2016 bezieht sich ausschließlich auf
klare Leuchtmittel. Über kurz oder lang, spätestens ab 2017, werden die
Konsumenten gezwungen sein, ihren Bedarf an konventionellen Glühbirnen entweder
über den Schwarzmarkt zu decken – oder aber auf massentaugliche und gegenüber
neueren Technologien noch vergleichsweise erschwingliche Energiesparlampen
umzurüsten. Also ausgerechnet jene Produktgruppe, die allen Verheißungen zum
Trotz seit Jahren bleischwer in den Regalen der Händler liegt. Am Beispiel
Österreich: 2008 wurden insgesamt rund 27 Millionen Glühlampen verkauft, davon
aber nur drei Millionen Energiesparlampen. Ergibt einen Marktanteil von gerade
einmal elf Prozent. Dazu kommt, dass der EU-Lampenmarkt von nur zwei Konzernen
beherrscht wird: Philips aus den Niederlanden und der deutschen Siemens-Tochter
Osram.
Die unstrittigen Fakten: Eine Glühbirne, zumal mattiert, wandelt nur
drei bis fünf Prozent der Energie in Licht um, der Rest geht als Strahlung
verloren. Energiesparlampen dagegen kommen auf eine höhere Lichtausbeute,
verheißen eine längere Lebensdauer und verbrauchen zwischen 65 und 80 Prozent
weniger Strom. Die EU-Kommission macht aus ihrer Erwartungshaltung kein Hehl:
Demnach soll der Stromverbrauch für Haushaltsbeleuchtung in der gesamten Union
allein durch verordneten Einsatz energiesparender Lampen langfristig um rund 60
Prozent oder 40 Terawattstunden jährlich sinken. Zum Vergleich: In Österreich
(Haushalte und Wirtschaft) werden Jahr für Jahr insgesamt rund 65
Terawattstunden Strom verbraucht. Parallel dazu soll auch der CO2-Ausstoß
europaweit um 15 Millionen Tonnen pro Jahr reduziert werden.
profil hat die EU-Verordnung – sie besteht aus dem Gesetzestext und
einem „technischen Briefing“ – einer gründlichen Revision unterzogen. Die
Erkenntnisse geben tiefe Einblicke in das Brüsseler Paralleluniversum. Selbst
der EU-Kommission ist offenbar bewusst, dass zunächst einmal erhebliche Kosten
auf die Konsumenten zukommen. Herkömmliche Glühbirnen kosten derzeit rund 50
Cent, eine solide Energiesparlampe immerhin sieben Euro, ein dimmbares Modell
sogar 15 Euro und mehr. Von zukunftsweisenden Halogenglühlampen und
LED-Systemen ganz zu schweigen. Die EU hält in ihrem „Briefing“ allen Ernstes
und wörtlich fest: „Der Preisanstieg ist signifikant, aber leistbar (eine
Energiesparlampe kann so wenig kosten wie eine Packung Zigaretten) und sollte
folglich nicht als Hindernis für die Haushalte angesehen werden.“
Der guten Ordnung halber sei angemerkt, dass eine Energiesparlampe bei
fachgerechter Nutzung acht- bis zehnmal länger halten sollte als eine
Glühbirne, wodurch sich die Anschaffungskosten letztlich doch amortisieren
ließen – und das bei sinkender Stromrechnung.
Giftmischung. Ein ungleich kritischerer Punkt wird in dem Konvolut
überhaupt nur gestreift: Mit Energiesparlampen holen sich die Konsumenten
nämlich nicht nur gefühltes Kaltlicht ins Haus – sondern auch ein hochgiftiges,
mithin tödliches Schwermetall: Quecksilber. Das klinische Wörterbuch
„Pschyrembel“ notiert: „Zur Zinkgruppe gehörendes, 1- und 2-wertiges, bei
Raumtemperatur flüssiges und verdunstendes (hohe biologische Toxidität durch
Einatmen) silberglänzendes Metall. Mittlere tägliche Aufnahme durch Nahrung und
Atemluft: 20–25 µg (Mikrogramm, Anm.); von der WHO als vertretbar angesehener
Wert: 45 µg/d (kritische Dosis: 400 µg/d).“ Quecksilber kann zwar mehr oder
weniger gefahrlos verschluckt werden, wer größere Mengen in die Lunge oder auf
die Haut bekommt, muss indes mit Vergiftungen rechnen. Die tödliche Dosis soll
bei 150 bis 300 Milligramm liegen.
Präzise Angaben zum Quecksilbergehalt ihrer Erzeugnisse blieben die Marktführer
Philips und Osram auf profil-Anfrage schuldig. Beide legen unabhängig voneinander
aber Wert auf die Feststellung, dass ihre Energiesparlampen mit „rund zwei bis
drei Milligramm“ den EU-Grenzwert von fünf Milligramm doch deutlich
unterschritten (bei Billigprodukten aus Asien soll die Dosis teils sogar
deutlich darüber liegen). So oder so: Die von den europäischen Herstellern
eingestandenen Werte liegen jedenfalls deutlich über denen der EU selbst. Im
Anhang zur Verordnung findet sich dazu gerade einmal ein Satz: „Die energieeffizienten
Kompaktleuchtstofflampen mit dem niedrigsten Quecksilbergehalt enthielten nicht
mehr als 1,23 mg Quecksilber.“
Was genau die EU-Experten da gewogen haben, bleibt ein Rätsel.
Ein durchschnittlicher österreichischer Haushalt hat etwa 20 Leuchtmittel in
Verwendung. Auf Energiesparlampen umgelegt, bedeutet das: insgesamt rund 50
Milligramm Quecksilber in Küchen, Wohn-, Schlaf- und Badezimmern. So heißt es
etwa in einer „Informationsbroschüre“ von Philips nicht ohne Grund: „Da
Energiesparlampen aus Glas sind, kann es vorkommen, dass sie brechen, was aber
kein Risiko darstellt. Es wird empfohlen, den Raum für 30 Minuten zu lüften und
die Bruchteile in einer gut verschlossenen Plastiktüte zu entsorgen.“
Österreichs Haushalte haben 2008, wie gesagt, 27 Millionen Glühlampen
gekauft, davon bloß drei Millionen Stück Energiesparlampen. Ergibt ein
Quecksilberaufkommen – bei einer angenommenen Menge von gnädigen 2,5 Milligramm
pro Lampe – von 7,5 Kilogramm. Würden nun alle Haushalte ihre Glühbirnen durch
Energiesparlampen ersetzen, stiege die Quecksilbermenge auf insgesamt fast 70
Kilogramm pro Jahr an. Selbst unter der Annahme, dass künftig weniger
Leuchtmittel gekauft würden, weil Energiesparlampen ja länger halten, blieben
die zusätzlichen Belastungen für Mensch und Ökosystem erheblich. Zugegeben:
Alte Quecksilber-Fieberthermometer kommen auf bis zu 1000 Milligramm und damit
ein Vielfaches dieser Menge – nur halten diese a) mitunter über Generationen
und müssen daher nicht regelmäßig erneuert werden, vor allem aber dürfen sie b)
aus gutem Grund in der EU nicht mehr gehandelt werden. „Die Energiesparlampe
ist Sondermüll“, so Günther Leising, Professor an der Technischen Universität
Graz. Er ist Gründer der auf LED-Systeme spezialisierten Lumitech-Gruppe und
gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet der zukunftsträchtigen Leuchtdioden.
„Nach volkswirtschaftlichen und ökologischen Gesichtspunkten macht das
Forcieren der Energiesparlampe heute keinen Sinn mehr.“
Dem zuständigen österreichischen ÖVP-Umweltminister Niki Berlakovich fällt dazu
herzlich wenig ein. Eine profil-Anfrage ließ der Minister bis Redaktionsschluss
trotzig unbeantwortet. Seinen Standpunkt zur Energiesparlampe hat er bereits
Ende des Vorjahrs öffentlich gemacht: „Sie bringt sowohl einen großen
Fortschritt in Richtung Klimaschutz und wirkt sich außerdem noch positiv auf
das Haushaltsbudget jeder Österreicherin und jedes Österreichers aus.“ Das
hätten die Marketingstrategen von Philips und Osram schöner nicht sagen können.
profil versuchte auch ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner zu einem
Statement zu bewegen. Vergebens.
Stromrechnen. Auf europäischer Ebene wird der Schwermetallanfall aus
Energiesparlampen jedenfalls in die Tonnen gehen. Eilfertige Lobbyisten werden
in diesem Zusammenhang nicht müde, das zusätzliche Quecksilberaufkommen gegen
den fortan verminderten Strombedarf zu rechnen. Deren vermeintliches Atout:
Auch bei der Energiegewinnung aus Braunkohle würde Quecksilber freigesetzt. Und
weil Europa künftig weniger Elektrizität benötige, würde sich das schon
irgendwie ausgleichen. Das ist reiner Unsinn, zumal aus österreichischer Sicht.
Strom wird hierzulande zu einem erheblichen Teil aus Wasserkraft gewonnen. Und
auch die Braunkohle-Branche, insbesondere die deutsche, wird den Rohstoff
solange verfeuern, so lange er gegenüber anderen Energieformen preislich
konkurrenzfähig bleibt. Für ökologisch motiviertes Kalkül ist da kein Platz.
Nur am Rande sei erwähnt, dass die Herstellung einer einzigen Energiesparlampe
bis zu zehnmal mehr Energie verbraucht und somit CO2 freisetzt, als das bei
einer simplen Glühbirne der Fall ist.
Was all das für die Umwelt im Allgemeinen und die bestehenden Recyclingsysteme
im Besonderen bedeuten könnte, wird in der EU-Verordnung mit keinem Wort erwähnt.
An einer Stelle heißt es nur lapidar: „Wenn auch der Quecksilbergehalt von
Leuchtstofflampen eine Eigenschaft mit erheblicher Umweltauswirkung ist,
erscheint es angebracht, ihn … zu regeln.“
Mehr ist hier nicht zu erfahren. Was nicht nur den mit der Materie vertrauten
deutschen Politiker Markus Ferber, Vorsitzender der CSU-Gruppe im EU-Parlament,
echauffiert: „Zuerst wollen wir Quecksilber verbieten, und dann wird es durch
die Hintertür dem Bürger mit den Energiesparlampen wieder vor die Nase gesetzt.“
Abstrus: Während die Giftlampen offenbar um jeden Preis in den
europäischen Markt gedrückt werden sollen, wird international längst über ein
totales Quecksilberverbot verhandelt. So geschehen beim UN-Gipfeltreffen der
Umweltminister in Nairobi Ende Februar. Ferbers Resümee: „Die Bilanz dieser
Gesetzgebung fällt für die Bürger schlecht aus. Zwar sparen sie ein bisschen
Stromrechnung, aber ihre Gesundheit wird durch Quecksilber gefährdet.“
Verblendet. Die mit Abstand größte Blendkraft freilich entwickelt das
speziell von den Herstellern ventilierte „enorme“ Energieeinsparungspotenzial.
Dabei offenbart schon ein flüchtiger Blick auf die österreichische
Verbrauchsstatistik (die sich kaum von denen anderer EU-Staaten unterscheidet)
eine differenzierte Wahrheit: Vom Strombedarf eines österreichischen Haushalts
entfallen nach Erhebungen des international tätigen niederösterreichischen
Energieversorgers EVN tatsächlich nur zehn Prozent auf die Beleuchtung. Der
weitaus größte Teil geht für den Betrieb von Elektroherden, Wäschetrocknern,
Waschmaschinen, Gefrierschränken und zunehmend auch LCD-Fernsehern drauf. Bei
einem gängigen Stromverbrauch zwischen 3500 und 4500 Kilowattstunden (kw/h)
jährlich käme das Licht also auf 350 bis 450 kw/h.
Gemessen an den aktuellen Tarifen, ergibt das eine Stromrechnung von 50 bis 60
Euro im Monat, von der wiederum zehn Prozent oder fünf bis sechs Euro für
Beleuchtung abgehen. Selbst wenn ein Haushalt also alle Leuchtmittel durch
Energiesparlampen ersetzte, um so die versprochenen 80 Prozent Einsparung zu
schaffen, läge der Kostenvorteil bei gerade einmal vier bis fünf Euro im Monat.
Diesen sind die Anschaffungskosten der Lampen gegenüberzustellen. Bei 20 Lampen
pro Haushalt erscheint es nicht unwahrscheinlich, dass jährlich vier bis fünf
Stück durch Ausbrennen oder mechanische Einwirkung kaputtgehen. Bei
Stückpreisen von etwa sieben Euro für Markenprodukte schmilzt der Kostenvorteil
rasch dahin. Es überrascht in diesem Zusammenhang nicht, dass die Hersteller
das Einsparungspotenzial in der Werbung gemeinhin deutlich höher ansetzen. Drei
Euro im Monat also. Und ein fragwürdiger ökologischer Effekt. In Wahrheit ist
die Glühbirne, gemessen an den manifesten europäischen Umweltproblemen, nur ein
kleines Licht. Es fällt auf, dass die EU-Kommission seit Jahren zögert, etwa
der Schwerindustrie oder den Automobilherstellern deutlich schärfere
Schadstoffgrenzwerte zu diktieren. Man argumentiert gerne mit programmierten
Wettbewerbsnachteilen gegenüber den Konkurrenten in den USA und Asien. Gegen
den Widerstand der Industrie und ihrer Lobbyisten wird in Europa kein Gesetz
gemacht.
Wenn aber die Erzeuger zu ihrem eigenen Vorteil mit von der Partie sind, kann
es auch ganz schnell gehen. „Ich kenne wenige Verwaltungen, die so offen für
argumentative Beiträge sind wie die EU-Kommission“, konstatiert Jürgen Sturm,
Sprecher der European Lamp Companies Federation. Dabei handelt es sich um eine
Art Interessenvertretung der Lampenindustrie mit Sitz in Brüssel. Sturm ist
also Lobbyist und weiß, wie er sich im Namen seiner Klientel Gehör verschafft.
„Wir waren natürlich interessiert daran, dass die Parlamentarier mit unseren
Informationen in Berührung kommen. Wir haben auch ein bisserl die Kontakte in
den Mitgliedsländern genutzt. Die Entscheidungen fallen
nämlich auf lokaler Ebene“, bekennt der Deutsche unumwunden ein.
Es ist eine unverrückbare Tatsache, dass Philips und Osram in Europa keinen
nennenswerten Mitbewerber haben, wiewohl sie vorsorglich keinerlei Auskunft
über Marktanteile geben. Es ist auch eine Tatsache, dass die Energiesparlampe
technologisch längst ausgereizt ist (siehe auch Kasten Seite 35). Elektronik,
Leuchtqualität und -dauer wurden zwar kontinuierlich verbessert, mittlerweile
ist die Industrie aber an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Das hat
einerseits viel Geld gekostet, aber andererseits nie den gewünschten
Markterfolg gebracht. Kein Experte zweifelt daran, dass die Zukunft der
Halogenglühlampe, mehr noch der sehr jungen LED-Technik gehört. Bis zur
Marktreife dürften aber noch einige Jahre vergehen. So ist es schließlich auch
eine Tatsache, dass Philips und die Siemens-Tochter Osram alsbald auf unrentablen
Energiesparlampen-Fertigungslinien sitzen werden. Da kommt das Glühbirnenverbot
zur rechten Zeit. Die beiden Hersteller dürfen nun mit Umsatzsteigerungen im
zweistelligen Prozentbereich rechnen. „Die bestehenden, fast abgeschriebenen
Anlagen wollen aus wirtschaftlicher Sicht genützt werden“, ätzt Günther
Leising. „Dass dies aus volkswirtschaftlicher und umweltpolitischer Sicht weniger
günstig ist, ist eine andere Sache.“ Der deutsche CSU-Europaparlamentarier
Markus Ferber sieht es ähnlich: „Ich habe das Gefühl, dass die Industrie bei
der Beratung der Kommission in dieser Sache sehr intensiv mitgearbeitet hat.
Glühbirnen werden außerhalb der EU hergestellt, Energiesparlampen großteils
innerhalb. Es liegt auf der Hand, dass die Industrie sehr großes Interesse an
dieser Gesetzgebung hat.“ Ein Produkt, das sich unter normalen Marktbedingungen
nie durchgesetzt hätte; zwei Konzerne, die auf europäischer Ebene viel Einfluss
geltend machen können; eine Verordnung, die Konsumenten entmündigt. Wie konnte
es nur so weit kommen?
Langer Anlauf. Der Glühbirnenbann war, so viel ist klar, von langer Hand
geplant. Der Grundstein wurde bereits 2005 gelegt. Damals verabschiedete das
EU-Parlament mit großer Mehrheit die noch vage formulierte „Ökodesignrichtlinie
für Energie verbrauchende Produkte“. Deren Ziel: die Reduktion des
Stromverbrauchs im Haushalt. Aufseiten der zuständigen Energieminister saß damals
für Österreich ein gewisser Martin Bartenstein. In weiterer Folge ließen die
Minister Erkundungen über den tatsächlichen Strombedarf etwa von Heiz- und
Warmwasseraufbereitungssystemen, Haushaltsgeräten, Unterhaltungselektronik,
Klimaanlagen und eben Beleuchtungskörpern bei nicht näher genannten „Experten“
und „Beratern“ einholen. Unter deutschem EU-Vorsitz forderten die Staats- und
Regierungschefs, darunter Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, die EU-Kommission im
März 2007 auf, „rasch Vorschläge vorzulegen“, um die Energieeffizienz von
Haushaltsleuchtmitteln zu verbessern. Im März 2008 ging das
„Ökodesign-Konsultationsforum“ über die Bühne, an dem Vertreter der
Mitgliedsstaaten, der Industrie und mehrerer Nichtregierungsorganisationen
teilnahmen. Bei dieser Gelegenheit wurde das schrittweise Glühbirnenverbot ab
Herbst 2009 besiegelt.
Im Oktober 2008 waren wieder die EU-Energieminister dran. Mit dabei: Martin
Bartenstein und die damalige Staatssekretärin Christa Kranzl. Die EU-Kommission
wurde aufgefordert, bis Jahresende einen Gesetzesvorschlag zum so genannten
„Phasing-out“ vorzulegen. Das taten die 27 Kommissare schließlich mit einer
Durchführungsverordnung nach dem eingangs erwähnten Komitologie-Verfahren. Auf
dessen Grundlage kann die Kommission Verordnungen ohne Konsultation des
Parlaments im Alleingang beschließen.
Am 8. Dezember 2008 schließlich billigten die beigezogenen
Sachverständigen der 27 EU-Staaten, darunter ein Experte des Wiener
Wirtschaftsministeriums, in Brüssel die kommissionelle Direktive.
Erst ab da war im Umweltausschuss des EU-Parlaments Feuer am Dach. Einige
deutsche, britische, aber auch zwei österreichische Abgeordnete – Maria Berger,
SPÖ-Justizministerin a. D., und ÖVP-Mandatar Richard Seeber – wollten die
Verordnung noch im Februar dieses Jahres aus dem Schnellverfahren herausholen,
um sie ins Parlament zu bringen. Auch ihnen waren mittlerweile Zweifel an der
ökologischen Sinnhaftigkeit quecksilberverseuchter Energiesparlampen gekommen.
Die Bedenken wurden abgeschmettert, der Umweltausschuss lehnte die „Rückholung“
des Gesetzestextes zur Prüfung oder Änderung durch das EU-Parlament mit großer
Mehrheit ab. „Derart weit reichende Maßnahmen sollten im regulären
gesetzgebenden Verfahren beschlossen werden“, schimpft Maria Berger. „Maßnahmen
zum freiwilligen Umstieg wären wohl besser gewesen. Aber das Problem besteht
darin, dass die Leute die teuren und hässlichen Energiesparlampen nicht kaufen
wollten.“ Der ebenfalls kritische deutsche Abgeordnete Ferber geht noch einen
Schritt weiter: „Es ist nicht zu verstehen, dass ein solches Verbot ohne die
Mitsprache des Parlaments entschieden werden kann. Ich wehre mich gegen diese
Hinterzimmermentalität. Das stärkt nur die Abwehrhaltung der Bürger gegenüber
der Europäischen Union.“
Da auch der EU-Ministerrat eher keine Einwände mehr vorbringen wird, ist der
Weg zum Glühbirnenverbot frei: Die EU-Kommission wird die Verordnung wohl
kommende Woche beschließen. Ab da gilt sie auch in Österreich. Im Gegensatz zu
Richtlinien müssen Verordnungen nicht im Nationalrat zur Abstimmung gebracht
werden, um Rechtskraft zu erlangen.
Und all das wenige Wochen vor den Europawahlen am 7. Juni. Der gewohnt
streitbare Abgeordnete Hans-Peter Martin, dessen Wiederkandidatur nach eigenem
Bekunden noch nicht feststeht, schießt sich vorsorglich auf seinen
Lieblingsfeind ein: die EU-Bürokratie. „Das kalte Licht der Energiesparlampen
wird zum Synonym für bürgerferne Bürokratie aus Brüssel. Diese Verordnung ist
ein typisches Beispiel, wie eine gut gemeinte Maßnahme bei den Bürgern als
Regulierungswahn ankommen muss. Ich hege den Verdacht, dass hier wieder einmal
einem geschickten Industrie-Lobbying nachgegeben wurde.“
Zugegeben: Es könnte alles noch schlimmer sein. In Kuba verordnete Fidel
Castro seinen Landsleuten bereits 2005 den Umstieg auf Sparlampen, um die
chronische Energieknappheit zu lindern. Castros Stufenplan sah etwa so aus: Auf
behördliches Geheiß sollten innerhalb weniger Wochen alle konventionellen
Glühbirnen auf Staatskosten ersetzt werden. Seither ist es in weiten
Landesteilen finster.
14.3.2009 14:35
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